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Verletzungssorgen

Meine letzte Meldung liegt mittlerweile schon eine ganze Weile zurück, weil die letzten Wochen aus Hoffen und Bangen bestanden. Hoffen auf ein baldiges schmerzfreies Rennen, Bangen wegen der Schmerzen auf meiner linken Seite von der Hüfte bis zur Wade.

Meine Verletzungsmisere begann im Trainingslager in Texel Mitte März, nachdem ich mich von meinem ersten Marathon sehr gut erholt hatte, schmerzfrei laufen konnte und wieder richtig im Training los legen wollte. Schon in der ersten Woche in Texel hatte ich dann ziemliche Probleme mit dem linken Hüftbeuger, die glücklicherweise nach wenigen Tagen wieder verschwanden. Viel hartnäckiger waren die Schmerzen in der linken Wade, die sich nach anderthalb Wochen großartigen Trainings auf der Läuferinsel einstellten.

Meine Wade hielt mich daraufhin fünf komplette Tage vom Training ab, länger als ich jemals zuvor wegen einer Verletzung oder Krankheit pausieren musste. Glücklicherweise konnte mein Osteopath mit nur einer Behandlung die Fehlstellung des Kreuzbeins auflösen, sodass ich noch am gleichen Abend  (4.3) schmerzfrei laufen konnte. In der Folge konnte ich zwei Wochen wieder sehr gut belasten und ich hatte die Hoffnung zumindest für die Deutschen Meisterschaften im Halbmarathon in Husum (12.4.) als Ausweichtermin für den HM in Berlin (29.3.) noch rechtzeitig fit zu werden.

Nach einem unspektakulären Dauerlauf hatte ich dann ganz plötzlich messerstichartige Schmerzen im linken Knie, die mich von dem Moment an die nächsten Wochen begleiteten. Meine extrem kompetenten Physiotherapeuten von Trimedic in Karlsruhe konnten mich kurz darauf so weit flicken, dass ich mit einigen Tagen Alternativtraining weitestgehend durch trainieren konnte. Allerdings macht bei Belastungen im Grenzbereich immer wieder der Hüftbeuger dicht und es zieht mir ins (Läufer)Knie. So war es einige Tage vor dem Berlin Halbmarathon dank der Behandlung so gut, dass ich es einfach mal versuchen wollte. Schließlich war ein Start auf den Straßen Berlins schon lange Zeit ein großer Traum von mir. Beim Berlin-Halbmarathon konnte ich dann bis KM 15 auf Sub-65-Tempo mitlaufen, bevor der Hüftbeuger komplett streikte. Die nächsten drei Tage war an Laufen nicht mehr zu denken, da ich selbst beim Gehen extrem Schmerzen hatte. Da das Trainingslager in Italien bereits gebucht war, machte ich mich ohne große Hoffnungen auf ordentliche Trainingstage auf nach Milano Marittima. Glücklicherweise war Steffen Wiemann von Trimedic auch in Cervia und nach seiner Behandlung konnte ich dann 10 Tage sehr gut und hart trainieren.

Nach einem Bahnprogramm am vergangenen Freitag und der 25km am Tag danach, war dann heute leider wegen des Knies nach 10 Kilometern schon wieder Schluss,  sodass ich jetzt nach dem verpassten Halbmarathon auch um die Deutschen 10 000m Meisterschaften bange und gleichzeitig hoffe, dass der nächste Physiotermin die Wende bringt.

Statt in Negativität zu verfallen, nutze ich die aktuellen Herausforderungen der letzten Wochen nun, um noch bewusster die Freude am Laufen zu nutzen, die man als Leistungssportler so leicht vergisst. Schließlich ist Negativität nie der optimale Weg, mit irgendeiner Situation umzugehen, weil sie einen in der Situation gefangen hält und wahre Veränderung verhindert. Ich freue mich über jeden Tag an dem ich laufen kann und sehne mich der nächsten Möglichkeit entgegen mich im sportlichen Wettstreit zu messen, auch wenn es wahrscheinlich nicht die Zeiten des Vorjahres sein werden.

Marathon-Debüt

Wie ihr in den letzten Wochen gemerkt habt, wollte ich mein Debüt im Marathon auf keinen Fall an die große Glocke hängen. In den letzten Jahren habe ich immer wieder verfolgt, wie großartige Läufer, Philipp Pflieger und Manuel Stöcker zum Beispiel, bei ihrem Debüt große Probleme hatten. Deswegen hatte ich einen riesigen Respekt vor dem Marathon. Ich denke, erst seit dieser Leistung am Sonntag kann ich mich wirklich Langstreckler nennen, denn mit meiner Zeit von 3:42.11 im Juli 2013 war ich noch in den Top 10 Deutschlands über 1500m. Meinem Coach und mir war daher bewusst, dass die 42,195km meine bisher größte sportliche Herausforderung sein würden. Schließlich dauert es meistens mehrere Jahre eine entsprechende aerobe Grundlage für eine so lange Belastung wie den Marathon aufzubauen und die Stoffwechselprozesse umzustellen. Bei mir dauert dies erfahrungsgemäß immer noch viel länger als bei typischen Langstrecklern.
Mir geht es im Sport vor allem darum eigene Grenzen zu verschieben und genau deswegen wollte ich diesen Marathon laufen, auch wenn es ein großes Risiko außerhalb der Komfortzone war.

Der Start in Houston war um 7 Uhr morgens, noch vor Sonnenaufgang, sodass ich erst am Freitag anreiste, um den deutschen Rhythmus beizubehalten. Insgesamt war ich bei meiner Anreise über 20 Stunden unterwegs: 2 Stunden nach Frankfurt, 10 Stunden Flug nach Atlanta, 2 Stunden Aufenthalt, 2 Stunden Flug nach Houston und dann 1 Stunde nervenaufreibende Autofahrt zur Wohnung.

Wie geplant war ich Samstag, nach immerhin 6 Stunden Schlaf, gegen 3:30 hellwach. Das Mittagessen im Athletenhotel fühlte sich für mich schon eher wie ein Abendessen an. Die Auswahl war sehr abenteuerlich: es gab neben Nudeln und Bagels vor allem auch M&Ms, Gummibärchen, Kuchen, extrem süße Muffins und Erdnussbutter. In Sachen Ernährung bleibt Texas nach wie vor ein Entwicklungsland, aber trotzdem laufen die Amerikaner viel schneller als wir.

Riesig gefreut habe ich mich über die Unterstützung meiner Kumpels Tobias Riker, Sebastian Reinwand, Karl Schreiber, Philipp Baar, Jan-Lukas Becker und Timo Göhler, die schon am Samstagabend kamen, um mich auf oder an der Strecke zu unterstützen. Ich traf aber auch viele amerikanische Freunde und Bekannte wieder und sogar mein alter College-Coach stand bei KM 40, um mich, wie in guten alten Charlotte-Zeiten, so richtig zu pushen.

Am Sonntagmorgen wurden wir bereits um 5 Uhr mit dem Bus, sowie einer Polizeieskorte zum Start mitten in Downtown Houston, umzingelt von riesigen Hochhäusern, gefahren. Fünf Minuten nach den US Half-Marathon Championships ging es pünktlich um 7:00 los und die ersten 15 Kilometer verflogen mit der aufgehenden Sonne und einem geilen Blick auf die viertgrößte Stadt der USA echt rasch. Timo machte einen tollen Job und ich fühlte mich zu Beginn so gut und voller Tatendrang, wie ich es mir erhofft hatte. Bei Kilometer 18 kam dann eine richtig steile Brücke, bevor es bis zur Halbmarathon-Marke stetig anstieg. In der Folge gingen wir bei der Hälfte in 68:55 Minuten statt der antizipierten 68:45 Minuten durch, was mich aber nicht sonderlich störte. Vom Halbmarathon bis Kilometer 30 musste ich mich dann wirklich bremsen, da ich hier einen Läufer nach dem anderen einsammelte, die große Probleme mit den Wellen auf der zweiten Hälfte hatten. Bei Kilometer 30 musste ich schockiert feststellen, dass meine Flasche am Verpflegungsstand fehlte. Da zu dieser Zeit die Temperaturen schon ca. 16°C erreicht hatten, war das ein echtes Problem. Ich blendete die Tatsache aber gut aus, konzentrierte mich auf das Positive und trank dann bei Kilometer 35, wo ich eigentlich nichts mehr trinken wollte, etwas mehr. Zu diesem Zeitpunkt im Marathon ist allerdings der Magen nur noch sehr schlecht durchblutet und damit sehr empfindlich. Dementsprechend musste ich mich kurz nach Kilometer 38 (während des Laufens) stark übergeben und anschließend noch zwei weitere Male, sodass ich die letzten 4 Kilometer recht dehydriert rannte. Die letzten Kilometer mit den Riesenhochhäusern vor der Nase verlangten mir den mentalen Kampf ab, den der Marathon verspricht und selbst 300m vor dem Ziel hatte ich ernsthafte Zweifel, ob ich noch laufend ins Ziel kommen würde. Zum Glück standen ab Kilometer 40 Zuschauermassen an der Strecke. Für mich galt es die letzten beiden Kilometer unter 6:30 zu schaffen, um noch unter 2:18 zu bleiben. Der vorletzte Kilometer war dann trotz der Magenprobleme mit 3:16 gerade noch im Soll. Mit einer 3:03 auf dem letzten Kilometer und dem unfassbar geilen Gefühl tatsächlich zu finishen, erreichte der Mittelstreckler in mir  nach 2:17,51 Stunden das Ziel, womit ich sehr, sehr zufrieden bin.