Portrait über Simon Stützel

Ein Portrait auf Leichtathletik.de vom 2. November 2013

Simon Stützel mischt Läufer-Szene auf

Simon Stützel hat schon einige Medaillen gesammelt - die goldene fehlt ihm aber noch (Foto: Crespel)
Silber und Bronze gab es für Simon Stützel bei den Deutschen Meisterschaften in diesem Jahr. Damit gehört er zu den besten deutschen Langstrecklern. Gleichzeitig meistert der 26-Jährige als Geschäftsführer seiner eigenen Firma die Doppelbelastung der dualen Karriere.  

Vier, drei, zwei – es ist fast der Werbeslogan des Internet-Auktionshauses eBay, der in diesem Jahr zum Motto für den Läufer Simon Stützel geworden ist. Allein die Ziffer eins für einen  deutschen Meistertitel fehlt dem 26 Jahre alten Landauer im Trikot von ART Düsseldorf, der in diesem Jahr hinter den besten deutschen Läufern wie Homiyu Tesfaye (LG Eintracht Frankfurt), Arne Gabius (LAV Stadtwerke Tübingen) oder Carsten Schlangen (LG Nord Berlin) eine überzeugende sportliche Entwicklung hingelegt hat.

Simon Stützel beeindruckt durch eine große Breite: Von den 1.500 Metern (3:42,11 min) bis zum Halbmarathon (66:07 min) steht er in den Top Ten der deutschen Jahresbestenliste. Dazu kamen zwei DM-Medaillen. „Ja, ich bin schon sehr zufrieden mit der Saison“, sagt Stützel nach seinem ersten Halbmarathon im holländischen Breda, den er als Neunter und zweitbester Europäer auf Kopfsteinpflaster in 66:07 Minuten absolvierte. Ein ordentlicher Abschluss einer starken Saison.

Medaille auf Ziellinie abgegeben

Begonnen hatte das Jahr für Simon Stützel turbulent. Nachdem ihn sein Verein für die Hallen-DM in Dortmund versehentlich nicht gemeldet hatte und er erst zwei Stunden vor dem 3.000-Meter-Finale die Starterlaubnis erhielt, ging Platz vier in Ordnung.

Bei den Titelkämpfen im Sommer in Ulm holte Stützel Bronze über 5.000 Meter. Nachdem er hinter Arne Gabius die Verfolgergruppe angeführt hatte, jubelte er vor dem Ziel etwas zu früh und musste die sicher geglaubte Silbermedaille auf der Ziellinie noch an den Regensburger Philipp Pflieger abgeben.

Erster von 70.000

Bei den 10-Kilometer-Straßenmeisterschaften im September in Bobingen holte sich der Landauer dann in 29:43 Minuten die Silbermedaille. Nur der Erfurter Rico Schwarz war drei Sekunden schneller. Einen wichtigen Sieg durfte Simon Stützel 2013 trotzdem feiern: Im Juni gewann er den mit rund 70.000 Teilnehmern größten Lauf Deutschlands – die J.P. Morgan Corporate Challenge in Frankfurt über 5,6 Kilometer.

„Für einen Langstreckler hat er ein großes Spektrum und ist dafür spurtschnell“, erkennt auch Bundestrainer Wolfgang Heinig das Geleistete an. Noch aber fehle Stützel das Niveau, auf europäischer Ebene mitzulaufen. „Natürlich freuen wir uns über jeden jungen Läufer, der zum Straßenlauf findet“, bringt Wolfgang Heinig auch gewisse Hoffnungen zum Ausdruck. Schließlich gibt es deutsche Talente auf der Marathonstrecke nicht gerade im Überfluss.

Leistungssprung in den USA

An Simon Stützels breitem Leistungsspektrum hat angesichts seines beruflichen Hintergrunds auch Trainer Carlos Verez einen beträchtlichen Anteil: Simon Stützel geht den Weg der zweigleisige Karriere als Laufsportler.

Während seiner dualen Ausbildung an der Hochschule Mannheim als BWL-Student ist er alle drei Monate umgezogen. „Dies war eine für meine sportliche Entwicklung völlig unzureichende Situation, meine Leistungen blieben entsprechend unter denen von heute“, sagt er rückblickend. Erst Stützels Wechsel in die USA im Jahr 2010  folgte ein Leistungssprung: Mehr Training, mehr Zeit und eine stärke Laufgruppe waren der Nährboden für seine besseren Leistungen.

Zurürk aus den USA gründete er die Agentur Scholarbook und vermittelt seitdem jährlich rund 300 Sportstipendien in den Vereinigten Staaten. Zwölf Mitarbeiter arbeiten unter Federführung des geschäftsführenden Gesellschafters Simon Stützel, darunter auch die Läufer Stefan und Thomas Bojanowski. „An den US-Unis sind Studium und Sport aufeinander abgestimmt“, sagt Stützel, „in Deutschland gibt es nichts Vergleichbares.“

Schlafen im Höhenzelt

Als nach einem guten sportlichen Jahr 2012 ein Tag vor Wechselfrist der TV Wattenscheid 01 seinen Vertrag nicht verlängerte, fand er beim ART Düsseldorf und dessen Macher Peter Kluth eine sportliche Heimat. Aus der dualen Ausbildung ist für Stützel längst die duale Karriere geworden. Doch nicht immer ist es nicht einfach, zwischen einem (mobilen) Fulltimejob ein Wochenpensum von bis zu 200 Kilometern zu absolvieren.

Simon Stützel glaubt auch an die Wirkung eines Höhenzelts. Er schläft regelmäßig in einem solchen Zelt, in das sauerstoffarme Luft gepumpt wird. Diese entspricht in etwa der Zusammensetzung auf 3.000 Metern Höhe. Er ist zudem überzeugt von einem intensitätsorientierten und weniger umfangorientierten Training.

Positives Denken aus den USA

Sein Laufjahr 2014 hat Simon Stützel schon durchgeplant: Im April geht es in ein Höhentrainingslager in die USA, um zu Saisonbeginn in Stanford und Los Angeles 10.000 und 5.000 Meter zu laufen. Auch wenn die EM-Normen für Zürich (Schweiz) deutlich unter seinen Bestzeiten liegen werden, setzt er sich hohe Ziele. „Dieses positive Denken habe ich in den USA gelernt“, so Stützel.

Er wird noch deutlicher: „Ohne mein Sportstipendium wäre meine Karriere längst beendet“, sagt der national (noch) eher unbekannte Läufer aus Landau, der mit einem Marathondebüt im Herbst 2014 liebäugelt. Vielleicht kann er ja auf der „klassischen Distanz“ seinen ersten DM-Titel feiern?

Quelle: Leichtathletik – Ihre Fachzeitschrift

 

Ein sehr schön geschriebenes Portrait von Lisa Hahner auf Laufticker.de

(14. August 2013) (http://www.laufticker.de/portraits/detail/article/stuetzel-simon.html):

Der Name Simon Stützel war vor zwei Jahren selbst für Leichtathletik-Insider kaum ein Begriff. Im Jahr 2012 setzte er mit seiner Zeit von 7:58,69 min über 3000 m ein großes Ausrufezeichen. In diesem Jahr folgten Spitzenzeiten über 1500 m (3:42,11 min) und 5000 m (13:52,78 min), sowie ein Sieg beim JP Morgan Chase Run in Frankfurt. Bei den deutschen Meisterschaften 2013 in Ulm sicherte sich der 27-Jährige die Bronzemedaille über 5000 m und musste sich nur um wenige Zentimeter dem Regensburger Philipp Pflieger geschlagen geben. Nicht nur sein Trainer Carlos Verez sah, dass an diesem Sonntag sogar die Silbermedaille drin gewesen wäre. Ein paar Sekunden gingen die Arme von Stützel zu früh in die Höhe um zu jubeln, das nutzte Pflieger aus und schob seine Brust noch auf der Ziellinie nach vorne. Nichtsdestotrotz war Stützel sehr zufrieden mit dem Ergebnis. „Bevor ich 2009 in die USA gegangen bin, hätte ich mir selbst in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt, mal einen Philipp Pflieger schlagen zu können. Vorher war ich selbst bei Deutschen Jugend- / Juniorenmeisterschaften nicht mal im Finale.“ Zu seinem Finish kommentiert er: „So ein Zieleinlauf wird mir ganz sicher nicht wieder passieren. Für mich persönlich ist es nur dann ein Fehler, wenn man nichts daraus lernt.“

Studiert hat Simon Stützel an der Queens University in North Carolina. Die Vereinigten Staaten haben Stützel nicht nur sportlich, sondern auch menschlich weit nach vorne gebracht, sowie Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenzen gefördert. „In den USA habe ich mich definitiv zum Teamplayer entwickelt und gelernt wie wichtig es ist, dass sich Läufer und Läuferinnen gegenseitig helfen.“ Und deshalb hat man Simon auch schon bei mehreren Marathonveranstaltungen als Pacemaker laufen sehen. Als Tempomacher von Sören Kah beim Frankfurt Marathon 2012 hat er bereits eine Durchgangszeit bei der Halbmarathonmarke von 66:43 min vorzuweisen. Für einen Mittelstreckler, der sich vor allem als 3000 m und 5000 m-Läufer sieht, ist dies beachtlich. Er selbst sagt, dass er Ziele brauche, die ihn jeden Tag heiß machen. Nach seinem USA Aufenthalt habe ihn im Training der Wunsch angetrieben, die 5000 m unter 14 Minuten zu laufen. Dies hat er in diesem Jahr geschafft und schon ist wieder Platz für neue Ziele. Für die Europameisterschaften 2014 in Zürich peilt er einen Start über 5000 m oder 10.000m an, doch dann richtet sich der Blick auch in Richtung Marathon. „Im Marathon sehen mein Trainer und ich zumindest eine kleine Chance, eine Zeit um 2 Stunden und 12 Minuten zu erreichen, die wahrscheinlich für Rio 2016 gefordert sein wird. Aber alleine diese Mini-Chance beflügelt mich schon enorm. Schließlich bin ich ja jetzt auch schon viel weiter als ich mir vor 3 Jahren erträumt hätte.“

Nicht nur im sportlichen Leben ist der Läufer von der ART Düsseldorf ehrgeizig. Im Jahr 2009, im Alter von 23 Jahren, hat er bereits eine eigene Firma zusammen mit Stefan und Thomas Bojanowski gegründet, die Agentur Scholarbook. Sie vermitteln Sportstipendien amerikanischer Colleges an deutsche Sportler. „Mit Scholarbook haben wir schon über 400 Sportlern geholfen und alleine diesen August gehen 125 unserer Kunden mit einem Stipendium in die USA.“ Zu Beginn diesen Jahres organisierten sie auch ein Vorspielen für 70 deutsche Fußballer und 20 amerikanische Trainer über 4 Tage hinweg, an denen Simon Stützel Tag und Nacht im Einsatz war. Da ist der Spagat zwischen Beruf und Leistungssport nicht immer leicht zu meistern. Angesprochen auf seine Bahnsaison 2013 gibt Stützel zu, dass vielleicht ohne diese Belastung eine Zeit Richtung Hallen-EM-Norm möglich gewesen wäre. Dies hat er analysiert, angenommen, doch es ist kein Grund Trübsal zu blasen. Simon Stützel lässt sich seine positive freundliche Herangehensweise nicht nehmen. Laut seinem Facebook- Profil gefällt ihm die Show „Schlag den Raab“. Wo sieht er seine Stärken, mit denen er Stefan Raab besiegen würde? „Bis ich 15 war, habe ich Fußball gespielt, dann 3 Jahre Tennis, Tischtennis und Badminton. Zu den Deutschen Meisterschaften hat das nie annähernd gereicht, aber für den Raab reicht das noch locker.“

Bestzeiten

800m 1:53,11min (Landau/2009)

1000m 2:26,56min (Mannheim, 2009)

1500m 3:42,11min (Nivelles/Belgien, 2013)

3000m 7:58,69min (Oordegem/Belgien, 2012)

5000m 13:52,78min (Oordegem/Belgien, 2013)