Streckenrekord plus Sieg in Kandel und dennoch ein surreales Albtraum-Erlebnis

Nachdem ich beim Halbmarathon in Barcelona total unzufrieden mit meiner Leistung war (65:35), wollte ich so schnell wie möglich wieder raus auf die 21,095km und es besser machen. Der nächstmögliche Zeitpunkt hierfür bot sich mir beim Halbmarathon in Kandel, der genau vier Wochen und gerade mal 15 Fahrminuten von meiner Haustür entfernt statt fand.

Im Vorfeld bin ich die Strecke abgelaufen und habe mich anschließend für einen Start entschieden, da sie wirklich total flach ist, sehr wenige Kurven hat und ich eine intensive Liebe zu der wunderschönen Pfalz entwickelt habe. Ich hatte also einfach ein super gutes Bauchgefühl und richtig Bock, obwohl vier Wochen zwischen zwei HMs natürlich eine recht kurze Regenerationszeit bedeuteten.

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Am Renntag konnten mir Julian Flügel, der mich als Tempomacher unterstützen wollte, und Frederik Unewisse (krankheitsbedingt geschwächt, aber er versuchte es netterweise die ersten 3km) leider nicht helfen. Zusammen mit Habtom Weldu, einem Flüchtling aus Eritrea und mittlerweile sehr gutem Freund, ging ich das Projekt EM-Norm (64:45) also vom ersten Meter entschieden an. Die Bedingungen waren am Tag vor und am Nachmittag nach dem Rennen wirklich perfekt, nur beim Start war es leider mit Temperaturen von 5° C und einem sehr frischen Nordostwind nicht ideal. Dennoch fühlte ich mich von Anfang an deutlich besser als in Barcelona und es lief bis zur Wende alles perfekt. Der erste Kilometer war 2:55, die 5km-Marke passierten wir bei15:13 und die 10km-Marke knapp unter 30:30 (Die Matte der Zeitmessung war einige Meter zu weit vorne): http://coderesearch.com/sts/services/10051/652/hm/1001. Wir waren also voll auf Kurs Richtung Amsterdam (EM), Streckenrekord und neue Bestzeit. Ich war also sehr positiv und motiviert unterwegs.

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Dann begann der Albtraum für jeden Läufer:
Wir steuerten auf ein Schild zu mit einem Pfeil darauf, der geradeaus zeigte mit dem Buchstaben M für Marathon und einen zweiten Pfeil, der eine Kehrtwende anzeigte mit HM für Halbmarathon. Da ich wusste, dass der Wendepunkt kurz nach 12km war, drehte ich sowie meine drei afrikanischen Begleiter nach der Wende um. Selbst mein Trainer auf dem Fahrrad konnte nicht erkennen, dass über den Symbolen noch sehr klein „200m“ Stand. Nachdem wir gedreht hatten und ich bereits ca. 40m in die falsche Richtung gelaufen war, schrie jemand aus weiter Entfernung. Erst langsam merkten wir, dass irgendetwas gerade richtig schief lief. Ich habe noch genau das grauenvolle Bild vor Augen, wie wir alle auf dieser großen Bundesstraße im Wald still standen, bevor wir realisierten, dass wir erst später wenden durften. So mussten wir also nochmals in die entgegengesetzte Richtung antreten, um dann die eigentliche 180°-Kurve zu nehmen.

Wer schon einmal im Tempo von ca. 20km/h zwei komplette Wenden innerhalb von 80 Metern gemacht und dabei zwischendurch einige Sekunden still gestanden hat, kann sich vorstellen wie viel Zeit das kostet. Laut der Uhr meines Trainers war dieser Kilometer mit dem ganzen Chaos 3:35, der zweitlangsamste Kilometer während des ganzen Halbmarathons lag bei 3:07. Demnach habe ich vermutlich ca. 30 Sekunden verloren sowie viel Kraft durch die beiden unnötigen Wenden. Viele Läufer haben mir am Wettkampftag selbst und auf meiner Facebook-Seite mitgeteilt, dass sie sich an der Stelle sehr unsicher waren und intuitiv wenden wollten. Zwei meiner afrikanischen Konkurrenten hat diese Situation so viel Kraft gekostet, dass sie eine ganze Minute bzw. noch mehr auf uns während den nicht mal 9 verbleibenden Kilometern verloren haben.

Trotz dieses Vorfalles hatte ich selbst noch längst nicht aufgegeben und blieb kämpferisch. Ich blendete den Vorfall wirklich fast komplett aus und drückte alles was ich hatte in den Nordostwind auf dem Weg zurück ins Stadion. Auch hier passte das Tempo mit Zwischenzeiten von 3:04/3:05 pro Kilometer perfekt und ich wusste unterwegs natürlich nicht wie viel Zeit ich tatsächlich verloren hatte.
Bis Kilometer 18 konnte ich Habtom nur sehr schwer folgen, da ich nach der Wende ziemliches Seitenstechen bekam und musste ihn sogar zwischendurch 10-20m ziehen lassen. Bei Kilometer 19 hatte ich ihn dann wieder eingeholt und setze mich das erste Mal an diesem Tag an die Spitze des Feldes. Erst am Stadion mit Blick auf den lang ersehnten Torbogen überholte mich Habtom wieder und wir stürmten im Gleichschritt über meinen geliebten Tartan dem Ziel entgegen. Auf den letzten 30m hatte ich, wie schon in Rheinzabern, das bessere Finish und konnte ganz knapp gewinnen.

Als ich die Zeit im Ziel sah, wusste ich instinktiv, dass das Chaos bei der Wendemarke wahrscheinlich genau die 30 Sekunden waren, die mir zur Team-EM-Norm (64:45) gefehlt haben. Dennoch bin ich sehr stolz, dass ich nun bei dieser traditionellen Veranstaltung (38 Jahre) den Streckenrekord halte und es mit drei sehr starken ostafrikanischen Läufern aufnehmen konnte. Nach wie vor fehlt mir im Halbmarathon einfach noch das nötige Glück, aber ich denke, dass ich gestern wieder einiges über die Strecke gelernt habe und gestärkt aus dieser Erfahrung heraus gehe.

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Ich bin mir sicher, dass sich diese hart erkämpften Erfolge im Straßenlauf dann noch bedeutsamer anfühlen werden, als die Erfolge auf der Bahn, die mir mental so viel leichter fielen.

Es zählt nicht, wie oft Du hinfällst, sondern dass Du immer wieder bereit bist, aufzustehen.

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Nach dem Sieg beim Baden-Marathon, dem Mannschaftstitel bei den deutschen Meisterschaften (10km) und dem geilen Rennen am Sonntag am Gardasee kann ich endlich für mich sagen, dass ich mein sportliches Comeback geschafft habe.

Die Halbmarathon-Distanz und ich sind alles andere als die Liebe auf den ersten Blick. Mein gemeinsames Debüt mit Julian Flügel in Breda 2013 in 66:09 war wegen des schwierigen Rennverlaufs gerade noch zufriedenstellend, 2014 in den Haag konnte ich wegen Magenproblemen nur ins Ziel joggen und 2015 in Berlin konnte ich wegen meiner Verletzung, die sich wie Kaugummi bis in den August zog, das Rennen nicht beenden (das zweite Mal in meinem Leben).

Am Gardasee sollte nun alles anders werden obwohl die Vorbereitung nach dem ausgestandenem Traktus-Syndrom und wegen meiner Ödeme im dritten und vierten Mittelfußknochen natürlich nicht perfekt war. Andererseits war ich motivierter und positiver eingestellt als jemals zuvor. Ich war dankbar für jede einzelne harte Trainingseinheit, die ich beenden konnte, jeden einzelnen Dauerlauf bei dem ich nicht frustriert heimgehen musste und vor allem für das große Privileg schmerzfrei an der Startlinie zu stehen.

Die Strecke am Gardasee ist für das laufende Auge wunderschön und die mehr als 5000 Starter/innen konnten die pure Schönheit des Laufens bei sommerlichen Temperaturen genießen. Darum ging es bei mir heute nicht: Ich wollte eine neue deutliche Bestzeit und, bei idealen Bedingungen, auch die Norm für die Europa-Meisterschaften in Amsterdam erreichen. Dort wird nächstes Jahr die Premiere im Halbmarathon als Ersatz für den Marathon statt finden, da zwei Marathons bei den Europameisterschaften und den olympischen Spielen in weniger als zwei Monaten nicht sinnvoll ist.

Bereits am Start um 10 Uhr wurden in Riva del Garda an der Nordseite des Gardasees um die 20 °C im Schatten gemessen. Dies ist für absolute Topzeiten nicht optimal, aber ich komme dank meiner Zeit in den USA sehr gut mit Wärme klar und blieb positiv. Als viel problematischer stellte sich hingegen meine Konkurrenz heraus. Vom ersten Meter an hatte niemand, außer mir, Interesse an einer guten Zeit und so führte ich nach Rückenwind und einer abschüssigen Passage zwei starke Afrikaner (beide sind dieses Jahr schon deutlich unter 64:00 gelaufen) und einen Ukrainer (Bestzeiten 64:12 und 2:12:54)  in 12:00 Minuten durch die 4 km-Marke.

Von dort an ging es die nächsten 7 km stetig leicht bergauf und wir hatten permanent böigen Gegenwind. Immer wieder forderte ich meine drei Konkurrenten zur Hilfe auf, doch sie drückten nur voll auf die Bremse, wenn sie denn überhaupt mal vor gingen. Durch den Wind und diese Spielchen verloren wir auf den nächsten beiden Kilometern sehr viel Zeit, sodass ich entschied nun viel Kraft zu investieren und mein Ding von vorne zu machen. Hinsichtlich der km-Angaben muss ich dazu sagen, dass sie nur einen sehr groben Richtwert darstellen, da zwischen 2:32 min/km und 3:36 min/km bei mir angeblich alles dabei war.

Die 10km-Marke passierten wir dann immerhin noch nach 31:00 Minuten, bevor es über Kopfsteinpflaster durch die eckigen Altstadtgassen von Arco ging. Auf diesem schwierigen Stück sprinteten die beiden Afrikaner ganz plötzlich an mir vorbei und rissen eine Lück von ca. 20 Metern. Doch ich war mental sehr stark und redete mir Mut zu, dass ich sie auf dem nächsten Kilometer wieder einholen würde. Dies gelang mir auch auf dem leicht abfallenden Stück entlang eines bilderbuchreifen Kanals, der zurück zum Gardasee führte. Leider drosselten sie das Tempo, als ich sie eingeholt hatte, sodass ich von nun an wieder bis Kilometer 17 alleine das Tempo hoch halten musste. Kurz bevor wir vom Kanal an das Ufer des Gardasees abbogen, traten die beiden Afrikaner sehr entschlossen an. Ich ließ sie bewusst ziehen und erhöhte mein Tempo gleichmäßig, sodass ich meinen ukrainischen Mitstreiter abschütteln konnte und den Abstand (30-40m) auf die beiden Führenden halten konnte. Jean Simukekka (Bestzeit 62:24) aus Ruanda konnte das Tempo von Jonathan Kosgei aus Kenia kurze Zeit später nicht mehr halten und fing an sich ständig umzudrehen, sodass ich alles investierte, um mich an ihn ran zu saugen.

Passenderweise stellte ich ihn genau neben dem Tunnel, wo sich James Bond zu Beginn des Films Quantum Trost eine etwas andere Verfolgungsjagd lieferte. Die letzten zwei Kilometer waren mit den vielen Ecken, kleinen Brücken und wechselndem Straßenbelag eine große Herausforderung. Eingangs einer besonders engen 90°-Kurve pushte ich richtig hart und versuchte mich ca. 1,5km vor dem Ziel zu lösen. Er konnte allerdings kontern und trat im direkten Gegenzug voll an um mich abzuschütteln, doch ich wollte den zweiten Platz heute mehr als er und konnte an ihm dran bleiben. Wie in guten alten Zeiten auf der Bahn legte ich dann alles in die finalen 400m, 200m vor Ende konnte xy gleich ziehen, ich legte noch einen Gang zu und konnte ihn mental brechen. Ich freute mich riesig über den zweiten Platz bei diesem traditionell stark besetzten Halbmarathon und war im Ziel in 65:12 Minuten sogar nur den Hauch von 6 Sekunden vom Sieg entfernt.

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Nach allem was dieses Jahr war, ist das ein gigantischer Erfolg für mich und die vielen teuren Arztbesuche, frustrierenden Alternativtrainings und emotionalen Ratschläge haben sich alle für diesen Halbmarathon, der alles geboten hat, was ein echtes Rennen ausmacht, gelohnt.

Ergebnisse gibt es hier.

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Ich weiß nun, dass ich bei idealen Bedingungen die Norm für die Europameisterschaften in Amsterdam laufen und es mit einigen Afrikanern aufnehmen kann.

Link

Ende gut – alles gut?

Auch kurz vor dem Baden Marathon in Karlsruhe hielt meine Achterbahnfahrt des Jahres 2015 an. Nach dem sehr schönen Mannschaftstitel in Bad Liebenzell und der Freude über die „Wunderheilung“ meines rechten Fußes, fing auf einmal am Dienstag vor dem Marathon ein Nerv im linken hinteren Oberschenkel so richtig an zu schmerzen. Daher konnte ich kaum sitzen geschweige denn Autofahren und nur unter Schmerzen laufen. Glücklicherweise wurde der Nerv hervorragend von meinem Physio Friedrich Strohm behandelt, sodass ich am Donnerstag ein leichtes Fahrtspiel machen konnte. Dabei rutschte ich auf einer nassen Holzbrücke ganz ungeschickt aus und fiel hart auf mein rechtes Knie, was daraufhin richtig dick wurde.

So kam es, dass mich Freitag und Samstag, auf der Hochzeit zwei sehr guter Freunde von mir in der Nähe von Hanau, viele für verrückt hielten, als sie mich die Treppen runter humpeln sahen, wo ich doch am nächsten Tag Marathon laufen wollte. Glücklicherweise bekam ich von Dr. Marcus Schweizer am Samstagabend noch um 22:30 Uhr, als ich mit dem Zug zurück von der Hochzeit kam, ein lokales Anästhetikum gespritzt.

Am nächsten Morgen um 5 Uhr klingelte der Wecker. Zwar hatte ich wenig geschlafen, aber ich war dafür das erste und einzige Mal in dieser Woche einigermaßen schmerzfrei. Nach dem Auftakt um 5:15 Uhr, während dem mich einige Feiernde wahrscheinlich für einen Alien hielten, wusste ich, dass ich den Marathon laufen konnte. Von da an freute ich mich riesig auf den ersten Wettkampf in meiner Wahlheimat.

baden marathon 2Da der eigentliche Tempomacher für Melina Tränkle (Felix Wammertsberger) ausgefallen war, sprang ich spontan ein. Melina wollte gerne die B-Kader-Norm von 1:15 unterbieten, doch es sollte ganz anders kommen.

Ich spürte schon nach wenigen Kilometern, dass Melina einen richtig guten Tag erwischt hatte und lief daher in 34:50 (13 Sekunden über Melina’s 10km-Bestzeit) auf die EM-Norm für Amsterdam an. Unterwegs sagte ich ihr immer wieder, dass sie einfach den Kopf ausschalten und hinter mir her rennen solle. Das funktioniert auch absolut perfekt. Melina verbesserte ihre Bestzeit um fast 2 Minuten auf 1:13,44 und hat damit die Team-Norm für die EM erreicht. Bei 20,5 km trennten sich dann unsere Wege und ich hatte etwas Seitenstechen vom Anfeuern. Zu dieser Zeit lag ich überraschenderweise eine Minute hinter dem Führenden zurück und konzentrierte mich daher nun auf mein eigenes Rennen.

Die zweite Hälfte war sehr unrhythmisch zu laufen mit vielen engen Kurven, sehr steilen Brücken und wechselndem Belag. Mein Trainer meinte sogar unterwegs zu mir, dass die zweite Hälfte eher ein Crosslauf gleichen würde. Daher konnte ich den Führenden lange Zeit nicht sehen bis er plötzlich bei KM 25, ausgerechnet am Sonnenbad, wo ich so viele triste Stunden in den letzten Monaten erlebt hatte, direkt vor mir auftauchte. Ich sagte ihm, dass er sich ruhig rein hängen könne, damit er eine neue Bestzeit erreicht und versuchte ihm gut zuzureden. Allerdings ging es ihm schon nicht mehr gut und so musste ich die letzten 17 km mein eigenes Rennen machen.

baden marathon 1Trotz der schwierigen Strecke rollte es richtig gut und ich war jeden Kilometer deutlich schneller als die geplante Pace von 3:30min/km, die im Bereich der Zeit des kenianischen Siegers aus dem Vorjahr war. Die zweite Hälfte war für mich sehr emotional, da sie fast komplett auf meinen Dauerlaufstrecken, an vielen Freunden vorbei und bei KM 40 direkt an meiner Wohnung vorbei lief. Spätestens ab meiner Wohnung konnte ich nicht mehr aufhören zu lächeln und war so glücklich das Ding heute, nach allem was passiert ist, zu finishen. Wie ihr auf diesem Video sehen könnt, war der Zieleinlauf in „meinem“ Stadion etwas ganz Besonderes.

Was habe ich aus den letzten Wochen gelernt? Es lohnt sich immer positiv zu denken und nie aufzugeben. Am 1.September drohte mir eine ganz lange Laufpause und ein Ermüdungsbruch. Genau drei Wochen später bin ich Deutscher Mannschafts-Meister mit zwei sehr guten Freunden und Sieger des Baden Marathons. Beides bedeutet mir wahnsinnig viel und macht mich sehr glücklich.

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Volles Risiko für den Team-Titel

Das ganze Jahr 2015 hat unser Team diesem Tag entgegen gefiebert. Für uns war der Titel bei den Deutschen Straßenlaufmeisterschaften über 10km das ganz große Ziel. Mir war es persönlich unglaublich wichtig der Mannschaft zu helfen, nachdem ich im Frühjahr bei der Cross-DM überhaupt nicht zurecht kam und die Halbmarathon-DM verletzungsbedingt erst gar nicht antreten konnte.

Nachdem ich bis Ende Juli so gut wie gar nicht laufen konnte, lief es dann im August wieder rund und ich konnte endlich, endlich wieder vier Wochen am Stück belasten. Gegen Ende des Trainingslagers im Allgäu zogen jedoch wieder dunkle Verletzungswolken auf. Mein rechter Mittelfuß schmerzte nach jeder Laufeinheit. Am Ende der vierten Trainingswoche waren die Schmerzen sogar so intensiv, dass ich kaum noch auftreten konnte. Der Verdacht eines Ermüdungsbruchs im Mittelfuß haute mich, nach allem was dieses Jahr passiert ist, so kurz vor den Deutschen Meisterschaften komplett um.

Schon am nächsten Tag wurde per MRT festgestellt, dass ich zwei Knochenödeme (Wassereinlagerungen) im dritten und vierten Mittelfußknochen des rechten Fußes habe. Der Radiologe warf mich mit seiner Diagnose mindestens sechs Wochen komplett auf Lauf-, Cross- und Radtraining zu verzichten in ein sehr tiefes Tal. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben. Dafür bedeutet mir meine Mannschaft zu viel. Dr. Matthias Kieb vom OSP Berlin, den ich auf meiner Japanreise letztes Jahr kennengelernt habe, hatte noch einen Funken Hoffnung für mich. Auch wenn ein Start bei der DM in weiter Ferne war, gab es die kleine Chance, dass der Fuß nach zwei Tagen Pause, fünf Tagen Training auf dem Alter-G bei 60% meines Körpergewichts und einem Tag Alter-G bei 80% so schnell heilen würde, dass ich am Tag vor der DM einen schmerzfreien Dauerlauf von 35 Minuten machen könnte. Die ganze Woche dachte ich positiv und gewann von Einheit zu Einheit mehr Hoffnung und so stand ich vergangenen Sonntag tatsächlich in Bad Liebenzell an der Startlinie.

Ich entschied mich dazu sehr schnell zu starten, um den Rangeleien und eventuellen Stürzen aus dem Weg zu gehen. Durch das Training auf dem Laufbahn hatte ich mein Tempogefühl ziemlich verloren und so war ich ziemlich überrascht, dass der erste Kilometer knapp unter 2:50 war. Auf der ersten eineinhalb von vier Runden konnte ich lange die Gruppe meines Mannschaftskollegen Julian Flügel halten, was ich mir vorher nicht in meinen kühnsten Träumen ausgemalt hätte. Erst gegen Ende der zweiten Runde musste ich etwas reißen lassen und war dann die ganze dritte Runde alleine zwischen Julians und einer großen Gruppe hinter mir mit Sebastian Reinwand unterwegs. Doch ich war an diesem Tag mental richtig stark und konzentrierte mich nur auf die Jungs vor mir ohne noch ein einziges Mal auf die Uhr zu schauen. Eingangs der letzten Runde kam dann die große Gruppe mit Basti vorbei, der mir zurief „Komm häng dich einfach ein und bring es sicher zu Ende.“ Gesagt, getan: bis 500m vor dem Ende konnte ich dran bleiben und wir schafften sogar den Anschluss an die Gruppe mit Julian, sodass wir kurz vor dem Ziel wieder 11 Leute waren. Normalerweise kann ich aus so einer Gruppe oft den schnellsten Spurt ziehen, aber heute fehlte trainingsbedingt jegliche Laktattoleranz, sodass mir doch noch viele Läufer enteilten. Dennoch war der Zieleinlauf unfassbar schön. Die Gewissheit den so lang ersehnten Mannschaftstitel gewonnen zu haben, fast gleichzeitig mit Julian und Basti gefinisht zu haben und mit dem Training 29:49 gelaufen zu sein, hat den Schmerz der letzten Monate überstrahlt.

Ich kann euch sagen, dass ich seit Langem nicht mehr so glücklich und erleichtert war!

Fotos: Theo Kiefner

I’m not done!

In den vergangenen Monaten der Verletzung kamen in mir immer wieder Zweifel auf, ob ich jemals wieder voll trainieren würde. Jeder einzelne Rückschlag nahm ein kleines Stückchen Hoffnung und Rückschläge erlebte ich ja mindestens einmal pro Woche. Zudem habe ich mir auch immer wieder die Frage gestellt, ob ich den Leistungssport noch zu 100% will oder doch vielleicht doch mit dem Erreichten zufrieden bin.

Anfang Juli entschied ich dann das Knie komplett zu entlasten, also drei Wochen gar nicht mehr zu laufen, Fahrrad zu fahren oder auf dem Crosstrainer zu trainieren. Stattdessen versuchte ich Kraulschwimmen zu lernen, da ich irgendwann vielleicht Triathlonwettkämpfe machen möchte. Mein Erfolg hierbei war extrem mäßig. Wasser ist absolut nicht mein Element und ich musste mich wirklich überwinden, um fünf bis sechs Mal die Woche ins Freibad zu fahren.

Während der drei Wochen entschied ich mich dazu noch eine letzte Alternativmeinung eines weiteren Physiotherapeuten einzuholen. Ohne Erfolg dieser Behandlung, hätte ich sehr wahrscheinlich eine ganz lange Pause machen müssen. Glücklicherweise konnte der Physio mit seiner Behandlung  (Mobilisierung des blockierten Wadenbeinköpfchens, das sich auch auf den Tractus auswirkt) sehr schnelle Erfolge erzielen. Daraufhin fing ich mit vorsichtigen Babybschritten wie 3×5 Minuten wieder an zu laufen und machte fleißig meine neuen Stabiübungen. Da die Probleme nicht wieder auftauchten, konnte ich den Laufumfang täglich steigern.

(Foto: Sabine Münch, Design: Markus Herkert)

Ich merkte schnell, dass ich noch motivierter bin als vor der Verletzung und in meinem Körper noch mehr steckt als das bisher Erreichte. Vor allem habe ich mehr Bock auf Wettkämpfe als jemals zuvor.

Mittlerweile bin ich schon wieder in der vierten Trainingswoche und konnte im Trainingslager im wunderschönen Ostallgäu mit meinen Teamkollegen Sebastian Reinwand und Julian Flügel 160 schmerzfreie Kilometer sammeln.Ich bin nun sehr optimistisch, dass ich bei den Deutschen Meisterschaften über 10km starten kann und freue mich tierisch darauf mit unserem Team alles für den ersten Mannschaftstitel zu geben.

Die härteste Zeit meines Läuferlebens

Mit Erschrecken habe ich festgestellt, dass mein letzter Post bereits ganze vier Wochen her ist. Damals war ich mir ziemlich sicher, dass ich bis heute zumindest wieder täglich locker laufe. Nach einem Gespräch mit meinem guten Freund Julian Flügel habe ich allerdings vor zwei Wochen schwersten Herzens entschieden komplett auf Radfahren, Crosstrainer und Laufen zu verzichten, um meine Sehne komplett heilen zu lassen. Julian hatte 2012/2013 ein ganzes Jahr mit dem Läuferknie zu kämpfen und erst nachdem er der Sehne, während eines vierwöchigen Südamerika-Urlaubs komplette Ruhe gegeben hatte, konnte er wieder schmerzfrei laufen.

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Foto by Markus Herkert

Die ersten Tage nach der Entscheidung war ich unfassbar frustriert, da man absolut keine Sicherheit hat, dass die mechanische Ursache  anschließend behoben ist. Wenn mein Krafttraining des Rumpfbereichs und der Beckenstabilisatoren sowie die Dehnung des ITB nicht anschlägt, wird die Reizung von neuem entstehen und ich muss ggf. sogar über den schlimmsten Falle, einer Operation, nachdenken.

Foto by Markus Herkert

Während ich schon längst nicht mehr an Bestzeiten, Medaillen und Preisgelder denke, fehlt mir aktuell das einfache, simple, wunderschöne Laufen so unglaublich.

Um etwas Positives aus der aktuellen Situation zu machen, habe ich begonnen Schwimmstunden zu nehmen. Ich liebe Wettkampfsport und möchte mich auch nach meiner Karriere als Läufer, die hoffentlich erst 2024 zu Ende ist, sportlich im Triathlon messen. Im Wasser kann ich mich definitiv in Demut üben, da ich nicht sonderlich talentiert bin und selbst die kleinsten Erfolge hart erarbeitet werden müssen.

Bitte betet für mich, dass ich bald wieder das machen darf, was ich am Allerliebsten mache.

Foto by Markus Herkert

Alles vorbei bevor es begonnen hat?

Meine Probleme mit dem Tractus-Syndrom (Läufer-Knie) ziehen sich nun bereits seit 10 Wochen hin. Wie es bei Sehnenproblemen meistens der Fall ist, gleicht der Verlauf einer Achterbahnfahrt: der Schmerz kommt und geht, aber am Ende muss man vor Verzweiflung kotzen ;)

Bei mir war es so, dass ich immer wieder 2-3 Wochen schmerzfrei trainieren konnte, insbesondere nach der ersten Kortisonspritze meines Lebens, bevor sich wieder massive Schmerzen einstellten. Emotional waren die letzten Wochen für mich so unfassbar schwierig, da es immer wieder Grund zur Hoffnung gab, die kurze Zeit später aber vollkommen unverhofft zerstört wurde.

Was bedeutet Läuferknie?
Das Läuferknie ist ein durch Überlastung bedingter Reizzustand auf der Außenseite des Kniegelenkes. Die Betroffenen klagen häufig über Schmerzen des Kniegelenks, die typischerweise an der Außenseite und erst nach einer gewissen Zeit des Laufens auftreten. Gewöhnlich werden die Schmerzen während des Laufens immer stärker, sodass die Laufeinheit abgebrochen werden muss. Nach Beendigung des Laufens verschwinden die Schmerzen meist sehr rasch und treten gewöhnlich bei Alltagsbelastung nicht mehr auf. Sportarten wie Tennis, Fußball etc., die eigentlich das Kniegelenk erheblich stärker belasten, können meist problemlos ausgeübt werden. Nur selten finden sich eine Schwellung oder Überwärmung als Zeichen einer Gewebsentzündung.

Was sind die Ursachen für mein Läuferknie?
Bei der immer wiederkehrenden, gleichförmigen Bewegung beim Laufen muss sich meine Sehnenplatte (Tractus iliotibialis), die von der Hüfte kommend über Oberschenkel und Knie zur Außenseite des Schienbeinkopfes verläuft, tausendfach über den prominenten Außenrand des Kniegelenkes verschieben. Durch zu intensives Laufen, vielleicht auch als Spätfolge des Marathontrainings, kam es bei mir zu einer Reizung der Sehnenplatte, die chronisch wurde.

Absage der Bahnsaison
Auch wenn meine Form eigentlich recht gut ist, (vergangen Dienstag machte ich zum Beispiel 3x1000m in 2:48 mit 2min Pause  und 3x1500m in 4:12, 4:07 und 4:04 mit 5min Pause) ist die Bahnsaison für mich seit Anfang der Woche abgehakt. Langfristig entscheidend und für den Aufbau hinsichtlich EM 2016 zählt für mich nur die Ursache des Läuferknies zu erkennen und zu behandeln: Intensive, tägliche Dehnung dieser Muskeln, gezielte Physiotherapie und Krafttraining bei dem tollen Team von Trimedic in Karlsruhe, Elektrotherapie, physikalische Maßnahmen zur lokalen Stoffwechselanregung wie Eisbehandlung, Wechselbäder, Sauna, Wärmepackungen und Behandlung mit der Black Roll.

Darüber hinaus merke ich die ersten Erfolge durch die Behandlung mit Wobenzym, die mich glücklicherweise von nun an als Sponsor unterstützen, was mir in der schwierigen Situation wahnsinnig hilft. Aktuell treibe ich mich vor allem auf dem Alter-G Laufband, dem Crosstrainer, dem Rennrad und im Kraftraum rum und freue mich wahnsinnig auf die Zeit, in der ich wieder jeden Morgen aufstehen und einfach laufen kann.

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Marathon aus einer ganz anderen Perspektive

Nachdem ich bisher Marathons in erster Linie als Pacer mitgemacht habe, in Houston die Höhen und Tiefen dieses brutalen Events am eigenen Körper erlebt habe, darf ich mich Sonntag als Kommentator von meiner Verletzung ablenken.

Am gestrigen Freitag den 24.4 war ich beim MRT, da die phyisotherapeutische Behandlung keinen nachhaltigen Erfolg brachte. Dabei wurde eine Entzündung an der Außenseite des Kniegelenks festgestellt , also das Tractus Iliotibialis-Syndrom (Runner’s knee, an dem so viele Läufer leiden). Sehr wahrscheinlich werde ich mich daher am Montag spritzen lassen müssen und dann endlich, endlich wieder laufen können. Ihr könnt euch ja sicherlich vorstellen wie ich bei dem tollen Wetter der letzten Tage gelitten habe.

Durch meine Verletzung ergab sich eine ganz andere, vollkommen überraschende Chance auf die ich mich nun sehr freue. Genau an dem Tag als ich wegen meinen anhaltenden Knieschmerzen emotional so richtig am Boden war, konnte ich meinen Augen kaum trauen, als ich eine Email von Sigi Heinrich erhielt. Vollkommen fassungslos las ich, dass Claudia Dreher und Victor Röthlin verhindert sind und er deswegen mit mir den London Marathon moderieren möchte. Im ersten Moment war ich mir sicher, dass mir jemand einen Streich spielt. Als ich allerdings kurz darauf mit Sigi telefonierte, war ich total aus dem Häuschen.

Nachdem es die letzten Wochen so gar nicht rund lief, fiebere ich meiner neuen Aufgaben am Sonntag entgegen. Ich fühle mich total geehrt mit Sigi Heinrich, dessen Stimme ich kenne, seitdem ich mich an Sportübertragungen im TV erinnern kann, auf Eurosport den vielleicht besten Marathon aller Zeiten in London  kommentieren zu dürfen.  Gedanklich werde ich aber nicht nur in London sein, sondern vor allem mit meinem Teamkamerad Julian in Hamburg mitfiebern, dem ich gerne wie in Frankfurt geholfen  und anschließend seine hoffentlich neue Bestzeit entsprechend begossen hätte. Sicherlich wird Basti ihm ein hervorragendes Geleit bieten.

http://www.ptext.de/nachrichten/london-marathon-live-eurosport-simon-stuetzel-930702

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Verletzungssorgen

Meine letzte Meldung liegt mittlerweile schon eine ganze Weile zurück, weil die letzten Wochen aus Hoffen und Bangen bestanden. Hoffen auf ein baldiges schmerzfreies Rennen, Bangen wegen der Schmerzen auf meiner linken Seite von der Hüfte bis zur Wade.

Meine Verletzungsmisere begann im Trainingslager in Texel Mitte März, nachdem ich mich von meinem ersten Marathon sehr gut erholt hatte, schmerzfrei laufen konnte und wieder richtig im Training los legen wollte. Schon in der ersten Woche in Texel hatte ich dann ziemliche Probleme mit dem linken Hüftbeuger, die glücklicherweise nach wenigen Tagen wieder verschwanden. Viel hartnäckiger waren die Schmerzen in der linken Wade, die sich nach anderthalb Wochen großartigen Trainings auf der Läuferinsel einstellten.

Meine Wade hielt mich daraufhin fünf komplette Tage vom Training ab, länger als ich jemals zuvor wegen einer Verletzung oder Krankheit pausieren musste. Glücklicherweise konnte mein Osteopath mit nur einer Behandlung die Fehlstellung des Kreuzbeins auflösen, sodass ich noch am gleichen Abend  (4.3) schmerzfrei laufen konnte. In der Folge konnte ich zwei Wochen wieder sehr gut belasten und ich hatte die Hoffnung zumindest für die Deutschen Meisterschaften im Halbmarathon in Husum (12.4.) als Ausweichtermin für den HM in Berlin (29.3.) noch rechtzeitig fit zu werden.

Nach einem unspektakulären Dauerlauf hatte ich dann ganz plötzlich messerstichartige Schmerzen im linken Knie, die mich von dem Moment an die nächsten Wochen begleiteten. Meine extrem kompetenten Physiotherapeuten von Trimedic in Karlsruhe konnten mich kurz darauf so weit flicken, dass ich mit einigen Tagen Alternativtraining weitestgehend durch trainieren konnte. Allerdings macht bei Belastungen im Grenzbereich immer wieder der Hüftbeuger dicht und es zieht mir ins (Läufer)Knie. So war es einige Tage vor dem Berlin Halbmarathon dank der Behandlung so gut, dass ich es einfach mal versuchen wollte. Schließlich war ein Start auf den Straßen Berlins schon lange Zeit ein großer Traum von mir. Beim Berlin-Halbmarathon konnte ich dann bis KM 15 auf Sub-65-Tempo mitlaufen, bevor der Hüftbeuger komplett streikte. Die nächsten drei Tage war an Laufen nicht mehr zu denken, da ich selbst beim Gehen extrem Schmerzen hatte. Da das Trainingslager in Italien bereits gebucht war, machte ich mich ohne große Hoffnungen auf ordentliche Trainingstage auf nach Milano Marittima. Glücklicherweise war Steffen Wiemann von Trimedic auch in Cervia und nach seiner Behandlung konnte ich dann 10 Tage sehr gut und hart trainieren.

Nach einem Bahnprogramm am vergangenen Freitag und der 25km am Tag danach, war dann heute leider wegen des Knies nach 10 Kilometern schon wieder Schluss,  sodass ich jetzt nach dem verpassten Halbmarathon auch um die Deutschen 10 000m Meisterschaften bange und gleichzeitig hoffe, dass der nächste Physiotermin die Wende bringt.

Statt in Negativität zu verfallen, nutze ich die aktuellen Herausforderungen der letzten Wochen nun, um noch bewusster die Freude am Laufen zu nutzen, die man als Leistungssportler so leicht vergisst. Schließlich ist Negativität nie der optimale Weg, mit irgendeiner Situation umzugehen, weil sie einen in der Situation gefangen hält und wahre Veränderung verhindert. Ich freue mich über jeden Tag an dem ich laufen kann und sehne mich der nächsten Möglichkeit entgegen mich im sportlichen Wettstreit zu messen, auch wenn es wahrscheinlich nicht die Zeiten des Vorjahres sein werden.